„Vom Wochenbett zum Workout“ von Juliana Afram – Rezension

Das Rezensionsexemplar von „Vom Wochenbett zum Workout“ von Juliana Afram wurde mir dankenswerter Weise für die Rezension vom Trias Verlag zur Verfügung gestellt. Mithin Werbung.

Not macht wissbegierig

Immer wieder hat man den Eindruck, dass Frauenheilkunde in der Medizin stiefmütterlich behandelt wird. Oft werden Leiden nicht erkannt, verharmlost oder nur unzureichend behandelt.
Auch Juliana Afram ist aus eigener Betroffenheit Expertin für Rückbildung, Beckenboden und postpartales Training geworden. Die Ratschläge, die sie von ihrem Gynäkologen nach den Geburten ihrer beiden Kinder erhielt, waren völlig unzureichend und teilweise falsch. Gerade nach der ersten Geburt kann man selber schlecht Einschätzen, ob die Rückbildung normal verläuft. Natürlich richtet man sich dann nach der Empfehlung seines Arztes. Dass Frauenärzte nur leider in dieser Beziehung oft nicht auf dem Stand der Wissenschaft sind, sagt einem keiner. Aber natürlich hängt das, wie in jedem anderen Beruf, auch von den Interessen und der Fortbildungsbereitschaft des Arztes ab.

Deswegen begrüße ich dieses Buch besonders, weil es ein Grundwissen vermittelt, das jede Mutter haben sollte. Damit ist man nämlich in der Lage, selber grob einzuschätzen, ob man sich weitere Hilfe bei einer Hebamme, einer Osteopathin, einer Physiotherapeutin oder in einem Beckenbodenzentrum suchen sollte. Irgendwann möchte man schließlich wieder beim beschwerdefreien Workout ankommen.

Stetige Veränderung

Im Buch werden alle Veränderungen, die der weibliche Körper während der Schwangerschaft und nach der Geburt durchläuft, nicht nur aufgezählt, sondern auch eingängig erläutert.
Anhand von Schautafeln kann man sehr gut nachvollziehen, was für eine Meisterleistung unser Körper in diesen 10 Monaten vollbringt. Ungewohnt ist es, dass die Frauen auf den Schautafeln unterschiedliche Hautfarben haben. Es ist aber längst an der Zeit, dass sich die reale Diversität auch in wissenschaftlichen Abbildungen wiederfindet.

Hands on – Juliana Afram beim Ertasten einer Rektusdiastase

Rückbildung der Gebärmutter

Im Buch finden sich auch Informationen zur Rückbildung des Uterus. Normalerweise überprüft das die Nachsorgehebamme. Allerdings erklärt nicht jede Hebamme bei der Überprüfung, was da gemacht wird. Immer öfter finden Schwangere auch gar keine Hebamme mehr für die Nachsorge. Es herrscht auch der Irrglaube, dass die Nachsorgehebamme nur die Entwicklung des Säuglings überwacht. Sollte man also in der misslichen Lage sein, keine Hebamme zu haben, die einen im Wochenbett aufsucht, hat man mit diesem Buch zumindest eine Übersicht, wie die Gebärmutter sich zurückbilden sollte. Ob man das selber gut ertasten kann und möchte, ist dann natürlich die nächste Frage.

Hebammentipps

Ohnehin ist eine Hebamme im Wochenbett nicht durch ein Buch zu ersetzen. In diesem Buch finden sich aber viele Tipps und Hinweise, die einem eigentlich die eigene Hebamme geben sollte. Es ist tatsächlich auch nicht doof, wenn man sie vor dem Wochenbett schon einmal gelesen hat, damit man eine ungefähre Vorstellung hat, was einen erwartet. Beim Lesen hilft es, dass Juliana Afram einen lockeren und zeitgemäßen Schreibstil hat, den ich oft in Geburts- und Beckenboden-Literatur vermisse. So fühlt man sich zumindest nicht gleich wie zur Ü50-Liga gehörend.

Beckenboden im Fokus

Dem Beckenboden wird in diesem Buch selbstredend ein wichtiger Abschnitt eingeräumt. Seine Funktion und sein Aufbau werden sehr umfassend und anhand anatomischer Schautafeln beschrieben. Die Übungen für das Wochenbett starten mit Wahrnehmungsübungen und die Autorin erläutert auch den Einfluss der Atmung auf den Beckenboden. Hier merkt man, dass Juliana auch Pilates-Trainerin ist. Da der Beckenboden aber auch im direkten Zusammenspiel mit dem Zwerchfell arbeitet, macht das durchaus Sinn.
Dementsprechend sind unter den ersten Übungen viele Atemanleitungen, aber auch Klassiker aus dem Rückbildungskurs wie die „Becken-Uhr“.

Juliana Afram

Massage der Kaiserschnittnarbe

Toll finde ich übrigens, dass genau erläutert wird, wie eine Massage der Kaiserschnittnarbe funktioniert und worauf man dabei achten sollte. Aus eigener Erfahrung kann ich nämlich sagen, dass diese Techniken einem Gutteil der Kaiserschnittpatientinnen weder in der Klinik, noch von der Hebamme oder Frauenärztin gezeigt werden.

Muskuläre Zusammenhänge

Ein weiterer großer Part widmet sich der Bauch- und Rückenmuskulatur, der hüftstabilisierenden Muskulatur, den Füßen und dem jeweiligen Einfluß auf Eure Stabilität und Statik. Wahrscheinlich werdet Ihr nie einen Rückbildungskurs finden, in dem Euch diese körperlichen Zusammenhänge so detailliert vermittelt werden. Überhaupt ist „Vom Wochenbett zum Workout“ ein modernes Buch, in dem nicht nur „vorgeschrieben“, sondern auch viel erklärt wird.

Worüber niemand gerne spricht

Auch werden viele Beschwerden in diesem Buch behandelt, unter denen Mütter nach einer Entbindung leiden können. Das Kapitel muss man sicherlich nicht schon während der Schwangerschaft verinnerlichen. Wenn man aber postpartum unsicher ist, ob man sich mit Schmerzen, einer Rectus Diastase oder zum Beispiel auch Inkontinenzproblemen Hilfe holen sollte, findet man hier viele informative Tipps. Dieses Wissen hilft einem auch gegenüber Fachleuten zu bestehen, die einen nicht ernst nehmen oder die Beschwerden leichtfertig abtun. Das passiert leider immer noch extrem oft, weil den Rückbildungsprozessen -anders als Schwangerschaft und Geburt- nicht die entsprechende Wichtigkeit zugemessen wird.

Work it!

Die Übungen nehmen in diesem Buch selbstverständlich den Hauptteil ein, damit man auch irgendwann wieder beim Workout ankommt. Wie der Titel verspricht geht es bei Beckenbodenwahrnehmung und Training für das Wochenbett los, führt dann über Rückbildungsübungen weiter, bis hin zum sanften Wiedereinstieg in den Sport. Für den Start ins Workout finden sich in dem Buch viele klassische Pilatesübungen, aber auch einige Vorschläge, um wieder ins Krafttraining und in den Ausdauersport einzusteigen. Insgesamt also ein rundes Paket, das einem enorm hilft, die eigene Mitte wieder zu stärken und sich für neue sportliche und familiäre Aufgaben fit zu machen.

Fazit

Da Hebammen für Rückbildungskurse nur sehr gering von den Krankenkassen entlohnt werden, wird das Angebot in Hamburg trotz steigender Geburtenzahlen immer knapper. Mittlerweile muss man sich schon für einen Rückbildungskurs anmelden, bevor man überhaupt sein Baby im Arm hält. Für alle Frauen, die keinen Platz in einem Rückbildungskurs finden konnten oder sehr lange auf einen Platz warten müssen, ist ein Buch mit Rückbildungsübungen natürlich eine super Hilfe. Aber auch wenn man zu Hause ergänzend zum Rückbildungskurs trainieren möchte, ist das Buch zu empfehlen.
Die Übungen sind alle sehr nachvollziehbar beschrieben und fast sämtlich bebildert. Damit sollte es beim Training keinerlei Probleme geben. Ergänzend findest du auf der Homepage von Juliana Afram The Center viele informative Videos und auch einen Online-Kurs für mehr Beckenbodenglück, wenn einem das Buch alleine nicht ausreicht.

Klappentext

Wenn es an diesem Buch etwas zu kritteln gibt, ist es, dass es für Laien nicht ganz leicht verständlich ist. Trotz Julianas lockerer Schriftsprache ist das Buch im Informationsteil an der Grenze zum Fachbuch. Viele medizinische und anatomische Fachbegriffe werden zwar bei der ersten Erwähnung erläutert. Wie beschrieben ist das Buch auch gut und reichlich bebildert. Trotzdem ist es nicht leicht zu lesen, wenn man nicht vom Fach ist. Ich kann mir vorstellen, dass man die Namen der Knochen bestimmt immer mal wieder durcheinander bringt und auch Begriffe wie „Fundusstand“ oder „Palpationspunkt“ sind umgangssprachlich nicht gerade gebräuchlich.
Allerdings werden viele Mütter, ähnlich wie die Autorin selbst, mit der Zeit nahezu Expertinnen auf diesem Gebiet. Gerade wenn man Beschwerden hat, ist man oft gezwungen, sich selber in die Materie einzuarbeiten.

Mit diesem Buch hat man aber sicherlich ein umfassendes Werk zu Hause, wo man immer wieder nachschlagen kann, wenn eine Frage aufkommt. Das ist gegenüber einer ungezielten Internetsuche deutlich zu empfehlen, da leider im Netz viele dubiose medizinische Informationen kursieren.

„Vom Wochenbett zum Workout“ ist eine Sammlung der geballten Informationen, die Schwangere und Mütter bei entsprechendem Bedarf von ihren Ärzten und Hebammen erhalten sollten. Leider erhalten in der Praxis nur die allerwenigsten Mütter alle für sie wichtigen Informationen. Daher war es an der Zeit, dass Juliana dieses Buch geschrieben hat.

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