„Keine Kinder sind auch keine Lösung“ von Nina Straßner – Rezension

Nina Straßner, Buch, Juramama, KKSAKL

Ein Rezensionsexemplar von „Keine Kinder sind auch keine Lösung“ von Nina Straßner wurde mir dankenswerter Weise für die Rezension vom Bastei Lübbe-Verlag zur Verfügung gestellt. Mithin Werbung.

Das Manifest für Familien

Keine Kinder sind auch keine Lösung. Banal, aber wahr. Zumindest für mich und auch gesamtgesellschaftlich.
Trotz dieses bereits politischen Titels hatte ich eigentlich einen juristischen Ratgeber im Stile von „Don’t worry, be Mami“ erwartet – nur in witziger. Immerhin ist der Untertitel ja auch „Schützenhilfe von der Juramama“.
Aber weit gefehlt.

Dieses Buch ist ein Manifest.

Ursprünglich sollte das Buch „Fuck you very much“ heißen. Diesem – viel ehrlicheren – Titel standen leider verlagsseitig Bedenken entgegen.
Immerhin haben diese geflügelten Worte es noch ins Vorwort geschafft. „Keine Kinder sind auch keine Lösung“ startet nämlich fulminant mit der Schimpftirade eines aufgebrachten Mannes. Und mit sowas kennt Nina Straßner sich aus. Neben Ihrer regelmäßigen Kolumne für die Brigitte Mom, wurden auch schon Artikel von ihr in der Süddeutschen Zeitung und der ZEIT veröffentlicht. Da sich in öffentlichen Kommentarspalten von Zeitungen leider sofort Maskulinisten und Rechte einfinden, wenn eine Frau es wagt, ihre politischen Ansichten zu veröffentlichen, kann sie auf ein breites Portfolio an dummdreisten Beschimpfungen zurückgreifen.

So viel Freude, so viel Wut

Das Buch beginnt aber tatsächlich mit juristischen Tipps, die man jedem entgegenschleudern kann, der einem beim Supermarkt-Einkauf mit Kindern gut gemeinte Ratschläge oder bevormundende Kommentare aufnötigt. Wenn Nina Straßner nämlich mit einem in diesem Buch nicht hinter dem Berg hält, ist das ihr Zorn. Sehr vielschichtigem, aber wohl begründetem Zorn. Was manche für undamenhaft halten mögen, halte ich für sehr berechtigt und längst an der Zeit. Ich hielte es sogar für sehr heilsam, wenn mehr Frauen ihrer Wut Ausdruck verleihen würden. Das besondere an Nina Straßner aber ist, dass sie nicht nur einen 300 Seiten langen Rant geschrieben hat, sondern dass diese schöne Frau und Juristin dabei auch noch einen sehr intelligenten Humor beweist. Es geht nicht gerecht zu auf der Welt.

Nina Strassner

Die redegewandte Rechtsanwältin holt in ihrem Buch auf jeden Fall zum Rundumschlag aus. Nicht nur Jan Hofer, Siegmar Gabriel, der Playboy, die Shape und die Bunte bekommen mit grober Kelle ihr Fett weg, nein, hauptsächlich auch der Staat mit seinen frauen- und familienbenachteiligenden Regelungen.

Geburtshilfe in Not

Ein ganzes Kapitel ist, sehr zu Recht, der Misere in der Geburtshilfe gewidmet. Die Missstände in der Geburtshilfe werden anhand von Fallbeispielen noch einmal sehr deutlich aufgezeigt. Insbesondere mit Blick auf die Niederlande zeichnet die Autorin aber auch ein Bild, wie es besser gehen könnte. Das fand ich sehr lesenswert.

Kinderwunschunterbindung

Während die unterirdischen Gehälter von Hebammen zumindest mittlerweile im Bewusstsein der Öffentlichkeit angekommen sind, hat mich dieses Buch auf ein Problem aufmerksam gemacht, das mir bisher gänzlich entgangen ist. Natürlich hat jeder Paare im Bekanntenkreis, die lange versuchen ein Kind zu bekommen oder bei denen es auch gar nicht klappt. „Zwanzig Prozent der Paare in Deutschland, die Kinder haben wollen, scheitern an den körperlichen Voraussetzungen für die erfolgreiche Fortpflanzung,…“. 20 Prozent!
Und als wäre der ganze seelische Stress nicht furchtbar genug, übernehmen die Krankenkassen seit 2004 nur noch 50% der nicht unerheblichen Kosten für drei Behandlungen der In-Vitro-Fertilisation.

Die Vorstellung, dass Paare es sich nicht leisten können, überhaupt nur zu versuchen ein Kind zu bekommen, treibt mir die Tränen in die Augen. Insbesondere wenn man sich klar macht, wie viele teuere Operationen über 90jährigen kurz vor ihrem Ableben noch aufgeschwatzt werden, weil die Kliniken gut daran verdienen. Als ich davon gelesen habe, habe ich tatsächlich sofort nach einer Online-Petition gesucht, um die Betroffenen zu unterstützen, bin aber leider nicht fündig geworden. Hier wird einfach sehr blauäugig auf eine profitable Zukunftsinvestition verzichtet. Darüber hinaus wird Menschen in einer ohnehin sehr schwierigen Situation das Leben nochmal so viel schwerer gemacht, dass es nicht auszuhalten ist.

#RegrettingFatherhood

Quasilegendär ist das Kapitel in dem Nina Straßner den Andi seine Fatherhood regretten lässt, indem sie einfach mal eine klassische deutsche Mutterkarriere einem Mann anheftet. Der Effekt ist wahnwitzig. Was Mütter tagtäglich durchmachen, wirkt bei Andi derart wirklichkeitsfern und ungerecht, dass man schreien möchte.

Handfeste Tipps

Neben wüsten Pöbeleien auf alle, die es verdient haben, zeigt die Autorin aber auch die rechtlichen Fallstricke auf, die Eltern erwarten, wenn sie nicht verheiratet sind. Darüber stolpern traditionell hauptsächlich die Mütter, die nach Jahren der aufopferungsvollen Care-Arbeit dann  ihre wohlverdiente Rente in Altersarmut fristen. Ein romantisches Leben in wilder Ehe kann nämlich leider ganz unschöne monetäre Folgen haben.

Ganz in ihrem Element ist Nina Straßner selbstverständlich, wenn sie alle arbeitsrechtlichen Aspekte rund um befristeten Arbeitsverhältnisse, Schwangerschaft, Elternzeit und die regelmäßig folgenden Teilzeitverträge beleuchtet. Auch Mutterschutz, Kündigungsschutz und Berufsverbot sowie wer wann Mutterschaftsgeld erhält werden juristisch genauestens aufgedröselt. Das ist gerade auch für Selbstständige äußerst hilfreich.
Sie trägt dazu nicht nur die „schönsten“ Fälle zum Thema vor, sondern hält natürlich auch mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg, was das Ganze leider nicht erträglicher, aber zumindest viel lesenswerter macht.

Blogfamilia, 2018, Rechtsanwältinnen, Bloggerinnen, Juristinnen, Nina Straßner, Sandra Runge

Juramama & Smartmama auf der Blogfamilia 2018

Das dicke Ende kommt zum Schluss

Während man vielleicht bei einigen Kapiteln einen Kloß im Hals hat oder gut sichtbar eine Ader an der Schläfe pocht, zieht sich einem beim letzten Kapitel der Hals komplett zu. Da geht es nämlich um die Rente und den Generationenvertrag. Fairer Weise muss man sagen, dass die Autorin einem gleich zu Beginn des Kapitels zu einem Eimer Espresso und Wein rät. Das ist dann auch nötig, weil sie ganz banal ein Ehepaar mit Kindern und eins ohne Kinder vergleicht und anhand dieses Vergleichs darlegt, wie der Staat Kinderkriegen bestraft. Fast hätte ich danach freiwillig das Atmen eingestellt.

I have a dream…

Nach der Lektüre ihres Buches kommt man nicht umhin, Nina Straßner dafür zu bewundern, dass sie mit ganz klaren Worten die Ungerechtigkeiten benennt, die immer wieder die treffen, die keine ausreichende Lobby haben, um sich zu wehren. Sie macht einem mit glasklaren Argumenten bewusst, wie miserabel die Menschen in unserem Land eigentlich behandelt werden, wenn es sich nicht zufällig um kinderlose, weiße, alte Männer handelt. Und wer jetzt denkt: „Na ja, sooooo schlimm ist es ja nun auch wieder nicht.“, der sollte sich am allerdringendsten dieses Buch kaufen.
Ich wollte oder habe tatsächlich nach jedem zweiten Kapitel dieses Buches eine empörte Mail an zuständige Entscheidungsträger geschrieben.

Mein Lieblingskapitel in diesem Buch heißt übrigens auch „Bevor ich mich jetzt aufrege, ist es mir lieber egal“. Offenkundig ist das kein Zitat der Autorin. Und das ist auch gut so, weil man sich erstmal aufregen muss, bevor man sich engagiert. Zum Glück haben immer mehr Menschen den Impuls sich zu engagieren – aber kaum einer regt sich so schön auf wie Nina Straßner.
Ich erwarte diese Frau demnächst in einem politischen Amt und prophezeie ihr (hoffentlich selbsterfüllend) einen steilen Aufstieg vom Kieler Rathaus aus in die Bundespolitik.
Mit ihrem Manifest in der Handtasche.

Der Handfeger-Test

An alle die das Buch gelesen haben oder bald lesen werden, habe ich abschließend eine Frage: Wärt ihr bezüglich des Handfegers in der Küche genauso verfahren wie Nina?
Ich hätte das hunderprozentig genauso gemacht, aber wenn man es liest, fühlt es sich ein bisschen verrückt an.

 

 

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