Unser Welcome-Dinner

Welcome-Dinner Tafel Tisch gedeckt Küche

In der Woche vor Weihnachten haben wir ein Welcome-Dinner bei uns veranstaltet. Bei einem Welcome-Dinner laden Einheimische Flüchtlinge oder Zuwanderer zu sich nach Hause zum Abendessen ein. Zusammengebracht werden Gäste und Gastgeber dabei von Freiwilligen, die darauf achten, dass man nicht zu weit auseinander wohnt und sich irgendwie verständigen kann.

Der Vorlauf

Ich verfolge Welcome Dinner Hamburg, wo jede Menge Fotos von geselligen Runden gepostet werden, seit der Gründung 2015 auf Facebook. Die Idee kommt ursprünglich aus Schweden, findet aber immer mehr Nachahmer. Ich finde das Konzept super, weil es so einfach Menschen zusammen bringt, Berührungsängste nimmt, etwas mehr Weltoffenheit schafft und vielleicht auch etwas dafür tut, dass Menschen, die Schlimmes durchlebt haben, sich hier willkommener fühlen.
Eigentlich hätte ich auch gerne vom Fleck weg ein Dinner ausgerichtet.  Auf ehrliche deutsche Art habe ich mir aber erstmal unheimlich den Kopf zerbrochen und mich als ganz steifer Bedenk-O-Bot erwiesen.
Kann man sich irgendwie verständigen? Ist das nicht unheimlich bedrückend? Findet man etwas zu reden? Ist es nicht blöd, jemand zu sich in die mit Konsumgütern vollgestopfte Wohnung einzuladen, der gerade alles zurücklassen musste? Geht das, wenn das Baby noch so klein ist?
Wenn man dann sowieso schon dabei ist, alles zu zerdenken, dann findet man ja auch immer neue Gründe, wieso es gerade nicht so gut passt.

Türchen 19

Zu Weihnachten gab es eine „Adventskalender“-Aktion, bei der versucht wurde, jeden Tag im Dezember bis Weihnachten ein Dinner zu veranstalten. Unsere Lütte ist nicht mehr ganz lütt, mein Mann hatte in der Woche vor Weihnachten Urlaub und an Winterabenden ist es immer besonders schön Gäste zu haben. Es gab also keine Gründe mehr zu zaudern und wir haben uns als Gastgeber angemeldet. Und Zack – sofort fangen die Gedanken wieder an im Kreis zu galoppieren: Was kocht man? Arabisch? Wir können Couscous. Macht keinen Sinn – schmeckt wahrscheinlich fad bei uns. Deutsch? Eisbein? Kann ich schon nicht leiden… Hamburgisch? Labskaus? Da missfällt meinem Mann Optik und Haptik. Irgendwas, wo sich jeder das nehmen kann, was er mag? Wahrscheinlich am besten.

Hilfreiche Tipps

Gut eine Woche vor dem Essen schickte uns das Welcome-Dinner-Team eine Mail, in der gefragt wurde, ob es auch in Ordnung sei, wenn ein oder mehrere männliche Gäste kämen, da erst wenige Familien unter den Gästen seien. Außerdem bekamen wir ein hilfreiches Infoblatt mit Tipps zum Ablauf, Speiseregeln, kulturellen Gebräuchen und dazu wie man das Eis das bricht. Für mich war vielleicht am wichtigsten, dass darin stand, dass niemand die interkulturellen Knigge durcharbeiten bräuchte, sondern man im Zweifelsfall lieber fragen soll. Glück gehabt, das kann ich!

Der Erstkontakt

Fünf Tage vorher bekamen wir dann einen Anruf bzw. eine Nachricht über What’s App von einer Freiwilligen vom Welcome-Dinner-Team, dass eine Familie gefunden wurde, die gut zu uns passen würde. Ein Syrer und seine Frau mit ihren zwei Kindern im Alter von zwei und drei Jahren. Wenn das mit uns klar ginge, würde sie mir dann den Handykontakt schicken und ich könnte mich bei ihm melden. Ging klar. In der Mail stand nochmal der Name, die Handynummer und dass sie kein Schweinefleisch essen. Ich habe ihn dann angerufen und bestimmt 10 Minuten auf Englisch auf die Mailbox gequatscht. Er hat dann zurückgerufen und sprach natürlich schon ziemlich gut deutsch.
Wir haben dann die Zeit abgesprochen und ich habe ihm die Adresse geschickt.
Auf What’s App konnte ich auch ein Profilbild von den beiden sehen. Das hat mich nochmal mehr entspannt, weil man sich dann konkret diejenigen vorstellen konnte, die kommen.

Finale Menüplanung

Alle bisherigen Essenspläne wurden natürlich sofort über Bord geworfen, als wir wussten, dass Kinder dabei sind. Es ist ja nicht so einfach etwas zu machen, was Kinder auch auf jeden Fall mögen. Nudeln mit Butter? Pommes mit Ketchup? Fischstäbchen mit Kartoffelbrei? Vanilleeis mit bunten Streuseln? Eine Kombination, um auf Nummer sicher zu gehen? Kann man Erwachsenen irgendwie schlecht anbieten.
Schlussendlich haben wir uns dann dafür entschieden, Hähnchenspieße in verschiedenen Würzstufen, mediterranen Couscous-Salat mit Schafskäse, Gemüsesticks und Brot mit verschiedenen Dips zu machen. Zum Nachtisch gab es dann tatsächlich Vanilleeis mit bunten Streuseln/Schokostreuseln/Herzen/Himbeersoße – jeder wie er mochte.

Letzte Unsicherheiten

Den Kindern hatten wir als kleines Weihnachtsgeschenk zwei Büchlein besorgt. Für die Zweijährige hatte wir „Hallo Tiere“ und für den Großen „Fritz Ferkel“ ausgesucht, weil Axel Scheffler immer geht. Gerade alles eingetütet und verpackt, stehen mein Mann und ich auf einmal vor der Buchhandlung und fragen uns, ob man Muslimen Bücher mit Schweinchenprotagonisten schenken kann. Eingedenk der Wutanfälle unserer Tochter bin ich dann nochmal rein und hab Fritz Ferkel gegen den Löwen, der nicht schreiben kann, getauscht. Auch wenn die Buchhändlerin meines Vertrauens meinte, dass das falsch verstandene Rücksichtnahme sei. Möglich. Egal. Bei einem ersten Treffen habe ich ein gewisses Harmoniebedürfnis.

Das Welcome-Dinner

Im Vergleich dazu, wie viele Gedanken ich mir im Vorfeld gemacht habe, war der Abend dann easypeasy. Sehr nette Leute, die auch alle bemerkenswert gut deutsch gesprochen haben, außer der Zweijährigen natürlich. Aber Zweijährige werden ohnehin nur von ihren Eltern verstanden, egal auf welcher Sprache. Mit Kindern braucht man auch definitiv keinen weiteren Eisbrecher. Die Kinder waren natürlich aufgeregt, haben dann aber einfach angefangen im Kinderzimmer zu spielen. Wir Erwachsenen haben uns über gegenseitige Standardfragen etwas staksend ins Gespräch begeben. Manchmal weiß man auch wirklich nicht was man sagen, soll wenn die Gäste z.B. fragen, wieso man sie eingeladen hat. Natürlich macht es einen auch sehr nachdenklich, wenn man erfährt wie so eine Flucht aus einen Kriegsgebiet verläuft. Ich kann mir Welcome-Dinnerim Leben nicht vorstellen wie es wäre, wenn hier Krieg ausbräche und ich meinen Mann auf der Flucht vorschicken würde, um dann mit den Kindern nach zu kommen. Da bekomme ich immer noch einen Kloß im Hals. Lockerer wurde es dann, als zufällig Fußball Thema wurde. Aber die Kinder haben uns ohnehin ganz schön auf Trab gehalten. Am Ende war unser Welcome-Dinner einfach ein schöner Abend mit nettem Besuch. Eigentlich fast so, als wenn Freunde von uns mit ihren Kindern vorbei kommen.

Der Breitscheidplatz

Der Abend ging natürlich nicht ewig, weil die Kindern ins Bett mussten. Als wir aufgeräumt hatten, haben wir dann im Internet gesehen, dass ein LKW in einen Berliner Weihnachtsmarkt gerast ist und es wohl mindestens einen Toten gäbe. Es gab zwölf Tote und viele Verletzte.

Im ersten Interview, das ich dann gehört habe, hat eine Frau gesagt, irgendein Idiot sei mit seinem LKW einfach weitergefahren auf den Weihnachtsmarkt. Irgendein Idiot.
Unsere Gäste waren keine Idioten. Es waren nette Leute, die eine irrsinnig schlimme Zeit hinter sich haben und die sich unheimlich bemühen hier Fuß zu fassen. Ich denke, wenn man solchen Leuten helfen kann, hier anzukommen und sich hier wohl zu fühlen, sollte man das dringend tun. Und wenn es nur mit einem Welcome-Dinner ist.

4 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.