Muttergefühle. Gesamtausgabe – Rezension

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Muttergefühle. Und dann auch noch in einer Gesamtausgabe.
Wer beim Kauf ein mehrbändiges Buch im Format Brockhaus erwartet, wird sofort sehr enttäuscht oder sehr erleichtert feststellen, dass diese fundamentalen Emotionen in einem Paperback zusammengefasst werden konnten. Die Autorin, Rike Drust, nähert sich dem Thema ohnehin angenehm leichtfüßig, da sie weder Anspruch auf abschließende Vollständigkeit erhebt, noch darauf, die einzig Erleuchtete zu sein. Wer also einen Ratgeber sucht, der einem präzise Anleitungen zur Handhabung eines Kindes und den damit verbundenen mütterlichen Gefühlen an die Hand gibt, sollte nicht zu diesem Buch greifen.

Nicht so richtig zu empfehlen ist das Buch auch für Mütter, die schon zwei oder mehr Kinder haben. Ich hatte das Buch ursprünglich als Geschenk für eine Freundin gekauft, die einen 3jährigen Sohn hat und dann Zwillinge bekam und musste nochmal umdisponieren, nachdem ich aus Versehen reingeschmökert hatte. Wenn man mit mehreren Kindern überhaupt noch Zeit zum selbstbestimmten Lesen findet, wird man sich zwar gut unterhalten fühlen, aber man wird nicht mehr den gleichen Aha-Effekt haben wie als Erstmutter. Eher wird man sich lächelnd und mit leichter Wehmut daran erinnern, wie verrückt alles mal war. Und mit Zwillingen braucht man sowieso etwas Stärkeres.

Auch Schwangeren kann ich nicht empfehlen, das Buch zu lesen, da sie ohnehin nicht glauben würden, dass sie selbst auch einmal ähnlich nah am Rande des Wahnsinns entlang schrammen werden. Klassischer Fall von vergebener Liebesmüh. Sicherheitshalber könnte man es aber schon kaufen und zusammen mit einer Notfallration Schoko-Cookies in der Nachttischschublade verstauen.

Menschen mit bloßem Kinderwunsch ist gänzlich von der Lektüre abzuraten, da sich der Kinderwunsch sonst verflüchtigen könnte.

Absolute Zielgruppe dieses Buches hingegen sind Erstmütter, die sich folgende Fragen stellen:
„Ist mein Leben vorbei?“, „Wie bin ich nur Hausfrau und Mutter geworden?“, „Mach ich alles falsch?“, „Wie bin ich nur in diese Lage gekommen?“, „Bin ich verrückt?“, „Sind das die Hormone?“, „Werde ich jemals wieder eine Nacht durchschlafen?“ oder auch „Wieso nur?“.

All diese Fragen beantwortet das Buch selbstverständlich nicht, aber man erfährt in wohltuender und äußerst aufmunternder Weise, dass man nicht alleine damit ist. Beim Lesen begleitet man die Autorin sehr amüsant durch die Babyzeit. Dabei ist sie so erschreckend ehrlich, wie man es sich selbst im Gespräch mit Freundinnen nicht immer traut. Manchmal habe ich mich beim Lesen gefragt, wie einer Person (zumal mit nicht unerheblich vielen Tattoos, die von älteren Leuten ja gemeinhin mit Knasterfahrung gleichgesetzt werden) so viele Leute dumm kommen können. Ganz so schlimm war es bei mir tatsächlich nie, aber viele der beschriebenen Situationen hat man dann doch am eigenen Leib erfahren.

Auch der Aufbau des Buches ist hervorragend auf frische Mütter angepasst. Die Kapitel sind um die drei Seiten lang, so dass man abends eins schaffen kann, bevor man ins Koma fällt oder wieder angeschrien wird. Dazu kommt, dass am Ende jeden Kapitels Tipps oder gute Vorsätze von Rike Drust zusammengefasst wurden, die aufzeigen, wie man die jeweilige Situation angehen kann, ohne geistige Gesundheit einzubüßen.

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Die Verlagsbeilage scheint zufällig hinzugefügt worden zu sein

Letztlich ist das Buch allein schon deshalb lesenswert, weil die Art, in der Schwangerschaft und Babyzeit beschrieben werden, zum Schreien komisch ist. Die Sprache des Buches ist derart bildreich, dass man die Autorin eigentlich ständig mit einem Blaulicht auf dem Kopf Nacktradeln sieht und dazu verzückt rufen hört: „ER MACHT DIE BIMMELBAHN! ER MACHT DIE BIMMELBAHN!“. Dazu ist auch das Bild im Klappentext sehr nützlich.
Jedes Mal, wenn übergriffige Fremde beschrieben werden, treten in meinem Kopf übrigens Loriot und Evelyn Hamann auf, was die Szenen noch weiter bereichert. Und es gibt seeeehr viele übergriffige Fremde.

 

Fazit:

Das Buch ist beste Unterhaltung und kann im Wahnsinn der ersten Monate mit Baby Leben und/oder Verstand retten. Daher ist es auch eine echte Geschenkempfehlung, wenn man zur Geburt nicht den 48. Babybody in Größe 56 schenken will (obwohl die schon sehr süß sind), sondern etwas, das der Mutter hilft.

Für mich selber war die Schilderung, was passiert, wenn Väter echte Elternzeit machen und das Kind voll betreuen, eine Erleuchtung. Ich kann jeden verstehen, der in den zwei Monaten Elternzeit, die die meisten Väter machen, verreist und die Zeit gemeinsam als Familie verbringt. Aber ich finde es wirklich toll, wenn der Mann sich ganz der Herausforderung stellt, sich voll um das Kind zu kümmern (und dann auch rumzickt).

Außerdem hat das Buch mich angefixt, nicht doch auszuloten, ob mein Mann nicht auch einen Tag in der Woche die Kinder von der Kita abholen kann. Ich finde es eine schöne Vorstellung, dass sie auch mal einen ganz normalen Tag teilen und nicht nur die Wochenenden an denen oft etwas Besonderes los ist.

Es ist also nicht nur verrückt und aberwitzig, wenn eine normale, Hamburger Frau ihre täglichen Herausforderungen mit Kind beschreibt. Rike Drust reflektiert die eigenen verdrehten und überraschenden Muttergefühle klug und trifft entsprechende Folgerungen, so dass man aus dem Buch viele Anregungen ziehen kann, um gelassener durch den Alltag als Mutter zu gehen. Außerdem ist es einfach schön zu wissen, dass andere Mütter genauso durch den Wind sind, wie man selber.

 

1 Kommentare

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