Ohne Hebamme

Krankenhaus Kreißsaal #ohnehebamme düster

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen plant wieder eine Neuregelung für die Hebammen. Dieses Mal ist die Vergütungsregelung der Beleghebammen betroffen. Laut Hebammenverband könnte dies das Aus für die Versorgung durch Beleghebammen in deutschen Krankenhäusern bedeuten (mehr dazu).

Es ärgert mich maßlos, dass die Hebammensituation in Deutschland mit Wissen und Wollen der Krankenkassen noch weiter verschlechtert wird. Dabei wäre es so wichtig, die Entwicklung jetzt endlich umzukehren. Zum Glück bin ich nicht die Einzige, die das so sieht und Perlenmama hat unter dem Motto #ohneHebamme zu einer Blogparade aufgerufen. Dem komme ich gerne nach, weil ich von meiner ersten Geburt eine sehr genaue Vorstellung habe, wie es ohne Hebamme sein kann.

Krankenhäuser

Wenn man zum ersten Mal schwanger ist, besucht man die Infoabende der Geburtskliniken in der Umgebung, hört sich um und wägt lange für und wider ab. Ich habe mich entschlossen, meine Tochter in einem kleineren Klinikum in der Nähe zu bekommen. Meine Vorstellung war, dass es in einem kleineren Haus etwas familiärer zugehen würde und man besser betreut wäre, kurz: dass es etwas kuscheliger sei. Im Nachhinein kann ich sagen, dass es an Krankenhäusern nichts Kuscheliges gibt, egal wie klein sie sind.

Beleghebammen sind Mangelware

Eine Beleghebamme war Utopie, da ich mich relativ spät um eine Hebamme gekümmert hatte. Mir hatte schlicht niemand gesagt, dass ich das frühzeitig machen muss. Dazu kam, dass ich Anfang August Stichtag hatte, wo die meisten Hebammen niemanden nehmen, weil sie über den Termin, vorher oder nachher im Sommerurlaub sind. Glücklicherweise habe ich aber noch eine Hebamme für die Nachsorge gefunden. An eine Beleghebamme war aber nicht zu denken.

Wie die Mutter so die Tochter?

Vor der Geburt war ich angstbehaftet. Meine eigene Geburt war sehr schwierig, sie war sehr lang, es war 14 Tage nach Stichtag, meine Mutter war ohne Begleitung im Kreißsaal und es stand kurz vor Ende nochmal Spitz auf Knopf. Nun hört man keinen Geburtsbericht sooft wie den eigenen. Ich hatte also von vornherein Probleme mir vorzustellen, dass ich auch eine schöne Geburt haben könnte.

Mehr oder weniger #ohneHebamme

Ich selbst hatte eine Woche nach dem Stichtag einen vorzeitigen Blasensprung. Leider neige ich anscheinend nicht zu Wehen, so dass nach einigen Stunden eingeleitet wurde und ich Cytotec bekommen habe. Dieses Magenmittel wirkt anscheinend extrem gut, um Wehen auszulösen, ist aber der Holzhammer. Es ging damit also alles sehr schnell und die Wehen sind gleich alle 8 Minuten gekommen.
Als wir in den Kreißsaal gekommen sind, hat eine Hebamme uns kurz eingewiesen und ging dann wieder. Leider waren die anderen drei Kreißsäle an diesem Sonntagabend auch belegt und anscheinend waren alle anderen Geburten schwieriger als meine. So war ich dann allein mit meinem Mann im Kreißsaal. Ich habe die Wehen veratmet so gut es ging und die Hand von meinem Mann geknetet. Ich weiß überhaupt nicht, was ich gemacht hätte, wäre ich da ganz allein gewesen.
Irgendwann habe ich dann Schüttelfrost bekommen. Es ist ein ganz mieses Gefühl, wenn man vor der Geburt den Eindruck bekommt, dass irgendwas nicht richtig läuft und niemand da ist, den man fragen kann. Zu diesem Zeitpunkt war ich auch schon ziemlich nach innen gekehrt, um dem Schmerz zu begegnen und habe nur noch gesprochen, wenn es unbedingt nötig war. Auf mein Klingeln kam niemand. Ich habe meinen Mann dann losgeschickt, um jemanden zu suchen. Die Station war aber wie leergefegt, weil alle in den Kreißsälen waren. Der arme Kerl. Als Mann steht man dem ganzen Geburtsvorgang sowieso weitgehend hilflos gegenüber. Wenn dann noch nicht einmal jemand zu finden ist, wenn es deiner Frau schlecht geht, ist man ja der Verzweiflung nahe. Irgendwann kam dann kurz jemand, gab mir eine Decke und ging wieder.

Eine Hebamme, die ich noch nie im Leben gesehen hatte, sah dann mal wieder nach uns, stellte fest, dass es losging, sprach mich mit meinem Nachnamen an und bellte Befehle. Mein Mann meinte, das war in dem Augenblick vielleicht genau das Richtige, weil ich schon nicht mehr so richtig ansprechbar war. Normalerweise bin ich nicht besonders touchy bei rauem Ton, aber in diesem Moment habe ich die Frau gehasst – konnte ich ihr aber nicht sagen, weil ich genug mit Atmen zu tun hatte.
Als ich das erste Mal nach einer PDA fragte, war es noch zu früh, um den Anästhesisten zu holen. Als ich das zweite Mal nach einer PDA gefragt habe, war es zu spät. Natürlich.
Unsere Hebamme musste dann nochmal weg, als es mit den Presswehen losging, um die Ärztin zu holen. Wieder allein mit meinem Mann.
Ich habe während der Geburt genau einmal geschrien und zwar als ich eine Geburtsverletzung erlitten habe. Da hat mich die Hebamme gefragt, wieso ich denn jetzt so schreien würde. Zu ihrem Glück hatte ich keine Luft zu antworten und keine Zeit ihr den Kopf abzubeissen.
Nach nur vier Stunden war meine kleine Tochter dann da. Als sie mir auf die Brust gelegt wurde, konnte ich noch gar nichts. Mein Körper war so ausgepumpt und krampfig, dass ich diesen Moment, auf den man so lange wartet, nicht ansatzweise genießen konnte. Zu diesem Zeitpunkt war es mir schlicht zu viel, weil ich mit mir alleine noch nicht klar gekommen bin. Im Nachhinein ist man traurig über den verlorenen Moment.

Geburten gehen tief

Wenn alles vorbei ist, kann man natürlich sagen, dass alles prima war, weil es eine schnelle Geburt war und alle wohlauf waren. Das ist es schließlich am Ende das, was zählt.
Aber eine Geburt ist eine der letzten Extremsituationen die man in unserem Alltag überhaupt erlebt. Daher ist es für mich nicht nachzuvollziehen, dass den Frauen bei einer Geburt nicht die bestmögliche Versorgung zu Teil wird, die gestellt werden kann. Finanzielle Gründe können da nicht als Argument gelten, wenn man sich überlegt, für wie viele vergleichsweise unwichtige Dinge stets Geld zur Verfügung steht.
In den Folgemonaten habe ich gemerkt, dass ich Probleme hatte, das Erlebte zu verarbeiten. Während viele anderen Frauen unbeschwert von ihrer Geburt berichten konnten, konnte ich ganz lange nicht darüber sprechen. Ich kann gar nicht genau sagen warum, aber mit stehen immer noch manchmal die Tränen in den Augen und ich habe einen Kloß im Hals, wenn ich von der Geburt erzähle. Vielleicht wegen des Gefühls des Alleingelassenseins, vielleicht weil in der Kürze der Zeit so eine Vielzahl von Emotionen über einen hinweg gewaschen ist – ich weiß es nicht.

Ich kann aber sagen, dass ich bei der Geburt meiner zweiten Tochter in einer anderen Klinik war. Dort hatte ich zwar wieder keine Beleghebamme, bin aber vor und während der Geburt von fürsorglichen Hebammen betreut worden. Obwohl die Geburt wieder mit Cytotec eingeleitet wurde und noch deutlich schneller war, ging es mir dort wesentlich besser.
Im Endeffekt muss man also sagen, dass es mehr als wünschenswert wäre, wenn jede Frau, die sich die Betreuung durch eine Beleghebamme wünscht, diese auch erhalten können sollte. Keinesfalls sollte die Entwicklung in die andere Richtung gehen. Denn wenn die Beleghebammen einmal eingespart sind, werden sie nicht wiederkommen. Die deutsche Geburtshilfe braucht mehr Hebammen und nicht weniger.
Ohne Hebammen geht es nicht.

 

 

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